Wenzel: Das Abschminklied

Still vom Klatschen und vom Schreien
Über meine derben Witze,
Steh ich plötzlich vor den Reihen,
Einsam, all der leeren Sitze.
 
Ausgetrocknet sind die Lippen,
Hals und Kopf sind leer gesungen,
Stechend ist in meiner Rippen
Käfig mir mein Herz gesprungen.

Stunden später, müd, beim Feste,
Einen scharfen Schnaps im Glase,
Stierte eine auf die Reste
Schminke über meiner Nase.

Aussatz ziert mich! Einen Narren
Hast du neben dir zu sitzen.
Hoffst, ich zög dir jeden Karren
Aus dem Dreck, mit meinen Witzen.

Freilich könnt ichs! Nur Sekunden,
Da die Augen sich noch drehen
In artistisch großen Runden
Um die Augen, die mich sehen.

Alles, was ich hab, verteil ich,
So erfinde ich mein Glück.
Meine Narrenfreiheit freilich
Ist ein lächerliches Stück.

Wenzel, aus „Das Abschminklied“, 
erschienen auf dem Album „Stirb mit mir ein Stück“, 1986 

Mehr zu Hans Eckardt Wenzel, seiner Poesie und seine Lieder könnt Ihr auf seiner Webseite wenzel-im-netz.de oder im Online-Shop erfahren.

Dresden

Dresden, Sommer 2013
Dresden, Sommer 2013

 

Die Stadt macht einen ganz barock.
Bemerkenswertes kennst du ja aus Bildern
Und Büchern. Warum das noch schildern.
Und sozusagen scharrt mein Reisestock.

Joachim Ringelnatz

Bitte das vollständige Gedicht weiterlesen auf http://www.textlog.de/22920.html

 

 

Gartenträume

Ich will ein Garten sein, an dessen Bronnen 
die vielen Träume neue Blumen brächen, 
die einen abgesondert und versonnen,
und die geeint in schweigsamen Gesprächen. 

Und wo sie schreiten, über ihren Häupten 
will ich mit Worten wie mit Wipfeln rauschen, 
und wo sie ruhen, will ich den Betäubten 
mit meinem Schweigen in den Schlummer lauschen. 

Rainer Maria Rilke, aus Frühe Gedichte

Das Jahrtausend ist aus

Park Sanssouci, Römische Bäder
Park Sanssouci, Römische Bäder

 

4
An einem Tag, wie reife Ähren gelb,
an einem Tag, wie Kornblumen blau,
an einem Tag ohne Flutwelle, Erdbeben,
Flugzeugabsturz und Reaktorunfall,
an einem Tag ohne Gummiknüppel,
ohne Tränengas und elektrische Stühle,
an einem Tag, der die Menschheit nicht spaltet
in Neger, Juden, Schwule, Lesben und solche,
die Recht haben, an so einem Tag
beginnt das dritte Jahrtausend,
von dem wir nichts wissen,
als daß es beginnt.

Henry-Martin Klemt, aus Das Jahrtausend ist aus, 1989

Winterwald

Es treibt der Wind im Winterwalde
Die Flockenherde wie ein Hirt,
Und manche Tanne ahnt, wie balde
Sie fromm und lichterheilig wird,
Und lauscht hinaus. Den weißen Wegen
Streckt sie die Zweige hin – bereit,
Und wehrt dem Wind und wächst entgegen
Der einen Nacht der Herrlichkeit.

Rainer Maria Rilke, aus Advent